Tattoo „Workshop“ .. seriously?

manchmal bin ich ein klein wenig hin- und hergerissen. Einerseits bin ich nun selber ein Paradebeispiel fuer „doofe Ideen, einfach mal machen„, andererseits halte ich mich nunmal fuer alt und erfahren genug, zu entscheiden ob ich mit der Entscheidung leben kann.

Vermittels eines Facebook Beitrages, der von sehr vielen Kuenstlern, die ich sehr schaetze und deren Arbeiten ich kenne,  geteilt wurde, wurde ich auf einen MDR Beitrag aufmerksam.

In einem sehr neuen Studio in Leipzig, kann jeder nach kurzer Einweisung in einem „Workshop“ die Grundfaehigkeiten erlernen, um sich anschliessend selber zu taetowieren… unter Aufsicht.

Die kommentierende „Szene“ scheint sich einig und laesst an den Neueinsteigern kein gutes Haar.  Das die vom Studio gezeigten eigenen Arbeiten von minderer Qualitaet seien, ist noch die harmloseste Feststellung, die getroffen wird. Und dabei geht es nicht um die Taetowierungen, die von Kunden angefertigt wurden und naturgemaess eher „amateuerhafte Anmutung“ haben koennen.

Was genau vermittelt der MDR Beitrag und der Ton aus dem Off?

  • Andere Studios  sind oft in Kellern
  • Hygiene steht ganz weit oben auf der Liste
  • Workshop fuer Anfaenger
  • Tattoo yourself ist der Trend fuer verliebte Paare
  • erfahrene, professionelle Kuenstler leiten den Laden
  • auch als mydays Geschenk erhaeltlich

Und nun wundert man sich ueber einen Shitstorm, der gefuehlt die 1000er Marke der Kommentare in den geteilten Beitraegen und auf der Seite des Studios erreicht hat? Nein. Ich wundere mich nicht und ein paar der Argumente der „Szene“ kann ich sehr gut nachvollziehen.

  • Hygiene, die beim genauen hinsehen Augenwischerei ist. Wie z.b. die Ueberziehschuhe aber die nicht eingepackte Spruehflasche.
  • Anleiterin, die im Notfall eingreift. Das ist Wunschdenken, denn wie und wo die Linie gezogen ist, sehe ich erst, wenn sie bereits in der Haut ist. Tattoomaschinen, sind eben kein Fahrschulauto.
  • Eigene Tattoos, die auf der Seite gezeigt werden, sind gelinde gesagt … einfacher Natur. Da bilde sich aber jeder seine eigene Meinung. Ich bin nur Traeger der Hautkunst, nicht Verursacher.
  • Tattoo als Trend. Nein, einfach nein. Auch in Zeiten von Laser und Razorblade-Wurzelbuerste. Verliebte, die sich gegenseitig taetowieren, sind eine dumme Idee. Spaetestens wenn die Liebe scheitert, die man sich eben noch schwor, ist ein Partnertattoo ein schmerzhaftes Erbe, ein vom Partner gestochenes Hautbildnis unter Umstaenden gar eine psychische Last.
  • Tattoo kann ja wohl jeder .. 1h an der Orange und los. Doppel-Nein mit Ausrufezeichen. Hier *muss* die Szene aufheulen. Jahrelang fuer ein Taschengeld in Studios Skizzen abmalen, an Schweine- und Kunsthaut ueben und dann irgendwann auf dem Knie vom Dorfdoedel ne liegende Acht versuchen, die der Chef dann kostenfrei mit nem kleinen Skull covert. Lernen heisst hier ueben, ueben und dann nochmal ueben. Dies von (O-Ton aus den Kommentaren) „drittklassigen Hinterhofkratzern“, die selber nichts retten koennten, wenn sie wollten, an Kunden zum Selbstversuch kommentarlos geschehen zu lassen, dass moechte man nicht.

Leider wirft sich auch der Gatte und Schwager des Schwestern-Duos, die das Studio betreiben ins Feld um die Interessen zu wahren … versucht jedoch vorzugeben, der Nachname sei rein zufaellig  der Gleiche. Hochzeitsbild bei Facebook verlinkt .. aufgeflogen, Autsch.

Ob man nun der in den Kommentaren oft beschworenen „Ehre“ der Taetowierer folgen moechte und dem damit verbundenen Codex oder es wie die vielen neuen grossen Namen der Szene halten, die Kunst und Ausdruck als primaere Gruende nennen. Alle guten Taetowierer, die ich kenne, haben eines gemeinsam. Jeder hat ein unbedingtes Interesse, dass der Kunde mit dem bestmoeglichen Ergebnis aus dem Laden geht und sein Leben lang Freude daran hat. Ob Tattoo oder Piercing, es muss alles passen.  Keiner kaeme auf die wunderbare Idee eine „do it yourself“ Nummer zu etablieren. Wenn man einen Kuenstler an der Hand hat, der einem von der Achselhoehle bis zum Zeh schon die Haut eingefaerbt hat, dann laesst der sicher auch unter Anleitung ein wenig „selber rummalen“. Ohne Entgelt aber mit viel Gelaechter und nur aus Spass an der Freude und weil es halt auf einem vollgehackten Unterschenkel reichlich egal ist bei manchen. Vertrauen zwischen Kunde und Kuenstler ist Voraussetzung.

Ob ich das „Tattoo Abo“ korrekt verstanden habe, bezweifle ich. Man kann z.b. im L Abo 100 EUR pro Monat bezahlen, erhaelt bis 5 Termine im Jahr mit max. 2 Wochen Wartezeit und bekommt 10% Rabatt auf den „Endpreis“. Das heisst ich zahle 1200 EUR / Jahr fuer 5 Termine und wenn das geplante Tattoo z.b. 1500 EUR kostet, kommen am „Laufzeitende“ noch 150 EUR Schlussrate?

Hier schliesse ich mich der Frage eines Kommentators an … „wieviele Stunden pro „Termin“ sind denn da drin? 2, 3, 5, 8h? Bei Durchsicht der Galerie ist fraglich was fuer „solcherlei Kunst“ verlangt werden kann um am Ende nicht mit Verlusten als Kunde aus der Sache zu gehen.“

Suspension Sunday

strahlender Sonnenschein auf dem Weg nach Niederbayern. Schon zu einer unchristlichen Zeit, vulgo 08:00h morgens, machen wir uns auf den Weg nach Altreichenau. Diana Auerbach von Morpheus Tattoo und Martin Kraus, ein in ganz Europa taetiger BodMod Artist, haben eingeladen zum Suspension Sunday.

Was eine Suspension ist, wurde bereits in kurzen Worten erklaert, heute gibt es dazu noch ein paar Bilder mehr… und noch ein bisschen Hintergrundinfos.

Vorab der Disclaimer .. der vor allem fuer Menschen gilt, denen auch „Folie vor dem Verzehr entfernen“ auf Pizzaschachteln gewidmet ist:

"Do not try this at home .. unless you know what you are doing"

Die menschliche Haut ist unglaublich belastbar. Aus diesem Grund ist es problemlos moeglich, dass ein erwachsener Mensch sich an 2 – 4 Haken, die durch seine Haut gestochen werden, aufhaengen lassen kann und er so an Seilen von der Decke haengt. Selbstverstaendlich muss man genau wissen, wo und wie man diese Haken anbringt und dass die Wundversorgung und „Aftercare“ wichtige Punkte sind. Da sich die Haut durch den Zug abloest, kann es zu Luftpolstern unter der Haut kommen, die nach der Suspension wieder ausmassiert werden. Auch koennen, je nach Belastung, kleine Risse entstehen.

Wir hatten also die Moeglichkeit uns einen ganzen Sonntag lang mit dem Thema zu befassen, Fragen zu stellen und das Prozedere aus der Naehe zu betrachten. Waehrend auf Conventions der Moment des „Fliegens“ der Dreh- und Angelpunkt ist, steht uns hier sowohl die Vorbereitung, die Nachsorge und das Miterleben zur Verfuegung.

Das massieren der Haut und das anschliessende anbringen der Haken ist spektakulaer anzusehen, gleichwohl nicht sonderlich schmerzhaft, da waren sich alle Probanden einig. Auch das Abheben vom Boden, das Schweben oder Fliegen, ist keine Angelegenheit, die wirklich Schmerzen bereitet. Es ist ein unglaubliches, nicht in Worte zu fassendes Gefuehl. Vermutlich muss man dafuer „suspensionierendes Feeling“ erfinden.

Wenn man sich die Bilder genauer ansieht, spiegelt es sehr schoen wider, was die Teilnehmer erklaerten. Erst ein wenig Angst, dann ein ungewohntes Ziehen und dann die Unglaeubigkeit, die Erleichterung, das Adrenalin und die Freude.

Neben „alten Hasen“ waren auch „Firsttimer“ dabei. Jeder hat sein eigenes Tempo beim aufsteigen und es spielt keine Rolle ob jemand geschwind emporgehoben werden moechte, sich 10 min Zeit nehmen oder das Seil und den Zug selber kontrollieren will. Hier steht im Vordergrund, dass jeder selber am besten weiss, wo seine Grenzen sind und wie und wann er diese ausloten moechte.

Das gemuetliche, freundliche Miteinander und die Offenheit der Teilnehmer und Veranstalter machten den Sonntag zu einem wundervollen Ereignis und spaet abends, nachdem die Sonne im verschneiten Altreichenau bereits untergangen war, der Eisregen und der Nebel die Umgebung in surreales Licht tauchte, sassen alle noch gemuetlich zusammen um bei Schnitzel und Hopfenkaltschale den Tag Revue passieren zu lassen. Irgendwie familaer.